Vom Mut alter Menschen

Altwerden ist nichts für Feiglinge, schreibt Joachim Fuchsberger. Denn das Älterwerden, und das merken wir schon relativ früh, bringt zwar gewisse Erkenntnisse – die im Übrigen auch nicht alle angenehm sind -, aber zunehmend auch Einschränkungen: Es beginnt mit der Brille, und es endet nicht mit dem Zahnersatz. Manchmal erfasst uns das kalte Grausen, wenn wir bedenken und sehen, was da noch kommen kann.

Unsere Gesellschaft ist auf Leistung, Erfolg und Effektivität getaktet. Es ist schwer, in einer solchen Welt den Wert des Alters zu sichern und zu definieren, zumal die Erfahrungen alter Menschen in der Schnelllebigkeit unserer Zeit kaum nutzbar sind. Wir sorgen für unsere alten Menschen: pflichtbewusst und liebevoll, ja das ganz gewiss, leicht aber mit einem Hauch von Mitgefühl und Erbarmen. Und gerade das zu ertragen fällt den Senioren unserer Tage überaus schwer. Sie sind es gewohnt, für sich selbst zu sorgen. Niemand hat ihnen jemals etwas geschenkt. Ihr Lebensweg war ein bisweilen harter Überlebenskampf. Ihre Altershaltung ist darum von so großem, unbeugsamen Stolz geprägt, dass sie sich oft viel zu lange quälen und überschätzen, bevor sie sich in die Obhut von Pflegediensten, Angehörigen oder Altenheimen begeben.

„Ich habe so sehr großen Respekt vor diesen Menschen“, sagte mir eine Pflegedienstleitung, als wir gemeinsam diese Reportage vorbereiteten. Und sie erzählte mir von denen, die in hohem Alter ihrem Leben noch einmal eine ganz neue Richtung geben, von Senioren, die noch im 80. Lebensjahr mutig und humorvoll einen neuen Anfang wagen, von Menschen, die – obwohl selber schon im Rentenalter – ein ehrenamtliches Engagement für andere riskieren. Sie erzählte mir von alten Männern und Frauen, die ihr Schicksal in die Hand nehmen und sich nicht ihrer Würde berauben lassen.
Sie erzählte mir vom Mut alter Menschen.

Einige von ihnen durfte ich kennenlernen. Sie lehrten mich Respekt. Respekt vor den Leistungen ihres Lebens, Respekt aber vor allem vor ihrer Leistung im Alter. Denn es ist schwer, das Haus aufzugeben, für das man ein Leben lang gearbeitet hat. Es ist unendlich schwer, auf Hilfe angewiesen zu sein und täglich neu um sie zu bitten. Es ist eine elende Erfahrung, sich selbst zu vergessen und alle Erinnerungen entgleiten zu sehen, bis die Welt zu einem täglich neuen fremden und angstmachenden Land wird.

Die Menschen, die ich Ihnen in auf dieser Seite vorstelle, machen mir Mut, dass auch ich meinen Lebensweg mit hoch erhobenen Kopf, wie sie voll Stolz und Würde gehen kann und werde, bis mich am Ende ein gnädiger Gott in seine Arme ruft.

Ich danke der Stiftung Diakoniewerk Kropp für die Zusammenarbeit, Pastor Jörn Engler für sein Vertrauen, Carsten Steinbrügge für sein Mitdenken und Elke Eichler für ihre fachkundige Begleitung.

Inke Raabe

Inke Raabe