Die unerzählte Geschichte

Im Frühsommer 2015 konnte ich nach langen Vorbereitungen endlich mit diesem wunderbaren Projekt beginnen. Zur selben Zeit erkrankte meine Mutter unheilbar an Krebs. Die Diagnose holte sie von den Füßen, in ihrer Seele blieb kein Stein auf dem anderen. Ängste quälten sie und schiere Verzweiflung, nichts und niemand konnte sie trösten. Und gleichzeitig wurde sie zum tapfersten Menschen, der mir je begegnet ist.

Sie kam 1939 in diesem kleinen Kaff zur Welt, das auch meine Heimat werden würde. Der Vater war Trinker, die Mutter hielt mit großer Kraft in dem winzigen Reetdachhäuschen die riesige Kinderschar zusammen. „Mein Vater war ein Schwein“, sagte meine Mutter einmal. Wenn ihre Mutter wieder einmal schwanger war, schlug der Vater sie – und die Kinder standen bang daneben. Gleichzeitig war immer Leben in dem Haus, die Kinder tobten vom Stall zum Heuboden quer durch die Stuben immer im Kreis – es war einfach nicht möglich, sie wirklich zu beaufsichtigen. Für meinen Vater – ein Nachbarskind mit strenggläubigen Eltern – war das ein Sehnsuchtsort. So etwas gab es bei ihm zu Hause nicht.

Sie verliebte sich in den gutaussehnden Jungen und wurde von ihm schwanger – unverheiratet, mit gerade mal 17 Jahren. Das muss mächtig Ärger gegeben haben, meine Großeltern väterlicherseits waren keineswegs begeistert von der Verbindung, und die Schwangerschaft war schlicht ein Skandal. Aber meine Mutter wollte weg aus dem Elend. Sie wollte ein anderes Leben, sie wollte da raus.

„Ein bisschen Eleganz, das wäre schön“, seufzte sie manchmal. Wenn ihr jemand in den Mantel half, fühlte sie sich wie eine Königin. Ein bisschen Tanz, ein schön gedeckter Tisch und später unzählige kleine Deko-Dinge machten sie glücklich. Aber all das täuschte nicht darüber hinweg, dass das Leben auf dem Bauernhof mit den vier Töchtern und dem ehrgeizigen Mann an ihrer Seite harte Arbeit war. Die Hände rissen auf vom Reinigen der Milchkannen, das Kopftuch wurde zum ständigen Begleiter, um die Haare vor Stroh und Mist zu schützen. Der Stallgeruch hing in den Schränken, sie wusste das, und sie hasste es. Morgens melken, abends melken, dazwischen kochen, den Garten bewältigen, die Kälber füttern, die Kinder ermahnen, einkochen und einfrieren.
Ich erinnere mich an die Schlachttage: Da mussten wir alle mit anfassen. Riesige Mengen an Fleisch wurden zerteilt, verarbeitet und eingefroren. Diese Tage hat sie gemocht. Sie konnte sehen, was sie schaffte. Es machte sie stolz, ein volles Eisfach zu haben. Und sie wusste, dass ihr das die Versorgung ihrer Familie leichter machen würde. Ich erinnere mich an Heu- und Strohernten, an schlichte Mahlzeiten am Feldrand, an ganze Tage in den Rüben oder Kartoffeln und an die Abende, wo sie vor dem Fernseher nähte oder bügelte.

Bauchspeicheldrüsenkrebs – die Diagnose war niederschmetternd. „Dann weißt du ja, was auf uns zukommt“, sagte sie zu meinem Vater und ging zum Weinen vor die Tür. Sie aß nicht mehr, sie trank nicht mehr und der Garten, den sie so sehr geliebt hatte, war ihr egal. Es tat weh, sie so zu sehen.

Ich erzählte ihr von meiner Reportage, vom Mut alter Menschen, und dass ich jetzt auf der Suche nach Teilnehmenden sei. „Wer würde da nicht gerne mitmachen?“, fragte sie. Und trotzdem fehlte es mir an Mut, dieses Porträt mit ihr zu machen.
Meine Eltern bewiesen nach diesen ersten schrecklichen Wochen bewundernswerte Tapferkeit. Mein Vater erledigte so schlecht wie Pappa ante Portas die Einkäufe, und meine Mutter schimpfte wie ein Rohrspatz über ihn. Sie selbst kochte und regelte im Haus alles weiter so gut es eben ging und zog dabei den Infusions-Ständer hinter sich her. Sie ging wieder zum Kartenspielen, hatte Gäste, richtete ein letztes Weihnachtsfest aus, managte ihren Alltag bis fast zuletzt. Nur zum Weinen ging sie weiterhin vor die Tür, und ihre überschwängliche Fröhlichkeit kehrte nicht zurück.

Sie regelte ihre Angelegenheiten. Sie verteilte ihr Erbe, verschenkte ihre Lieblingsdeckchen an Cousinen, die sie besser zu schätzen wussten als ihre Töchter. Feierte noch einmal Hochzeit, als Christa ihrem Kai das Ja-Wort gab. Und dann starb sie im Februar 2016, nach vier quälenden Tagen im Hospiz, leise und entschlossen.

Ich habe sie in diesem letzten halben Jahr kaum fotografiert. Es kam mir unanständig vor, vielleicht konnte ich es auch einfach nicht. „Bevor mir die Haare ausfallen, solltest du noch ein Bild machen“, sagte sie einmal. Vielleicht hätte ich sollen. Heute bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle in Windsor, denke ich an sie. Das hätte ihr gefallen. Sie hätte am Fernseher geklebt, als könne etwas vom royalen Glanz auf sie fallen, den das Leben ihr verwehrte.
Nun ist sie nicht mehr da, und ich finde schwer Frieden mit ihrem Ende. In größter Verzweiflung bewies sie den Mut alter Menschen.

Die unerzählte Geschichte