„Schätzlein, lauf nicht fort!“ – so zärtlich geht Eduard D. mit seiner Lebensgefährtin um. Die beiden haben sich im Heim kennen- und liebengelernt und verbringen die meiste Zeit zusammen. „Schätzelein, lauf nicht weg“, ruft er ihr nach, als sie das Zimmer verlässt. „Man weiß ja nie, was heute alles passiert“, raunt er mir zu und sieht ihr besorgt hinterher.

Eduard ist 90 Jahre alt. Ein schmucker Mann, das ist er immer noch. Und er wirkt wie einer, der sich dessen schon immer bewusst war: Charmant und witzig führt er die Unterhaltung, erkundigt sich nach meinem Namen und meinem Beruf. Er freue sich sehr über meinen Besuch, sagt er.

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Das Leben hat ihn durch viele Länder und Erfahrungen getrieben. Seine Wurzeln sind hugenottisch, sein Geburtsort liegt in der Ukraine, in Polen ist er aufgewachsen, in Frankreich erlebt er den Krieg, bei Kriegsende ist er in Österreich und flieht schließlich mit dem Fahrrad über die Alpen nach Deutschland. Die Amerikaner greifen ihn auf und setzen ihn als Farmer auf einem Bauernhof ein, in Bayern macht er schließlich sein Abitur. Bis heute spricht er mehrere Sprachen fließend. Er ist ein Tausendsassa, ein Weitgereister, ein Weltmann – nun angekommen auf 25 Quadratmetern Deutschland in einem Seniorenheim an der Westküste.

Sein Zimmer ist schlicht eingerichtet. Nichts deutet auf seine Erfolge als Architekt: Es gibt keine Diplome, keine Fotos imposanter Bauten oder moderner Straßenzüge. Nur ein paar Bücher und wenige Bilder: Seine Kinder und Enkel, seine Eltern – voller Liebe erinnert sich der 90-Jährige an die Mutter, die ihn immer förderte und ihm viel zutraute.

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In seinen Erinnerungen laufen die Fäden durcheinander. Drei Mal war er verheiratet, erzählt die Tochter. Es war nicht immer leicht mit ihm, deutet sie an. „Manchmal muss man sich trennen“, sagt Eduard und ist auf einmal völlig klar. „Ich habe jeder nachgetrauert, keine leichtfertig gehen lassen.“

Seine Reisen, seinen Wohlstand, seine Briefmarken und seine Münzen – das alles spielt keine Rolle mehr in seinem neuen Leben. Es ist nicht mehr wichtig, er kommt ohne diese Erinnerungen gut zurecht.

Was wichtig ist, ist das hier und jetzt. Seine Lebenspartnerin, die eben doch noch da war. Ich, die ich bei ihm sitze und ihm zuhöre. „Soziale Beziehungen waren die größte Herausforderung für Eduard“, schreibt die Tochter. Nun scheint es so, als seien sie das größte Geschenk für den alternden Architekten.
„Kommen Sie wieder“, sagt er, als ich mich zum Gehen wende. Mühsam erhebt er sich aus seinem Sessel. Das lässt er sich nicht nehmen: Eine Dame verabschiedet man nicht im Sitzen. Er bringt mich zur Tür, es geht langsam, aber es geht.

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Und dann küsst er mir die Hand. Formvollendet. „Es war mir eine Ehre, gnädige Frau“, sagt er und schaut mir ernst ins Gesicht. Er begleitet mich bis in den Flur und winkt mir nach, bis wir uns aus den Augen verlieren.

Ich gehe mit einem Lächeln. Hoch erhobenen Hauptes. Und fühle mich ein bisschen so wie er mich behandelt und wie das, was ich nie gewesen bin: eine Dame. Eduard kann mit Menschen umgehen, denke ich, er versteht, ihnen gutzutun. Er zeigt, wie das geht: in Würde, mit Charme und Witz alt zu werden. Das Eigene zu behalten und – auch wenn so vieles entgleitet – Licht zu sein, wenn die Welt im Dunkeln versinkt.

Eduard